Geschrieben von Max Schlenker

Unser Interesse an alten Postkarten hatten wir bereits an anderer Stelle besprochen. Während es meinem Schwiegervater vor allem auf die Motive ankommt, interessiert mich der Inhalt. Doch meistens ist dieser relativ belanglos. Zumindest in einem Fall hat ein kleiner Hinweis dann doch meine Aufmerksamkeit geweckt: Der Absender war an einer Militärübung zwischen Basel und Rheinfelden 1909 beteiligt. Doch warum ausgerechnet hier und zu dieser Zeit?

 

Neben den üblichen Belanglosigkeiten meldet unser Schreiber, was ihn 1909 genau in unsere Region geführt hat: Er und seine Gruppe seien 4 Tage lang am Rhein entlang "marschiert" und am Ende gab es ein "Manöver" - und das, obwohl unser Absender nur Teil der "Reserve" ist. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs soll es noch 5 Jahre dauern. Doch so untypisch sind diese Erlebnisse nicht und ein Krieg ist bereits absehbar.

Zu dieser Zeit haben sich in Europa längst zwei Blöcke mit eigenen Defensivbündnissen gebildet: der Dreibund zwischen dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn und Italien sowie die Entente zwischen Frankreich, Großbritannien und Russland. Die Idee dahinter: Im Kriegsfall stehen sich die Bündnisse bei, wohlwissend, dass dadurch auch das Bündnissystem des Gegenüber aktiviert wird - Europa ist zum berühmten "Pulverfass" geworden.

Und der Funke, der jenes entzünden kann, liegt schon im Spätjahr 1908 in der Luft: Österreich-Ungarn annektiert bosnische Gebiete, die bis dahin zum Osmanischen Reich gehört hatten. Die Annexion ist zumindest mit Russland abgesprochen, doch auf Intervention Großbritanniens bekommen die Russen nicht ihren Teil der Abmachung mit Österreich (freie Durchfahrt durch die Dardanellen). Die beiden Mächte der Entente wollen die Annexion nun wieder rückgängig machen, Österreich-Ungarn weigert sich und wird dabei vom Deutschen Reich unterstützt. Der Krieg liegt schon in der Luft und es kommt zu Manöverübungen, wie auch auf unserer Karte beschrieben.

Zum Krieg kommt es letztendlich doch nicht, da Frankreich in den Konflikt nicht involviert ist und keinen Bündnisfall sieht. Die Briten forcieren ebenfalls keine militärische Intervention, Russland ist nach der Niederlage im Russisch-Japanischen Krieg von 1905 noch geschwächt. So kommt Österreich-Ungarn noch einmal davon. Die Annexion sollte im Übrigen mehr Nach- als Vorteile für Österreich-Ungarn mit sich bringen, denn sie führt zur innenpolitischen Krise um die administrative Verteilung der neuen Gebiete.

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