Onkel Fritz Kuder (geb. 1897 / gest. 1983) ist eigentlich kein richtiger Onkel, wurde aber von uns Kindern immer so genannt. Der Schwager unserer Tante Lisbeth kam jedes Jahr in der Sommerzeit auf den Dinkelberg. Sein kleines Gefährt, ein DAF, musste die Strecke von Dülken nach Adelhausen nie fahren, sondern nutzte den Autoreisezug bis Lörrach. Tante Mina und Onkel Fritz hatten ein kleines Wochenendhäuschen, quasi ein Vorläufer des Tiny-Hauses. Er war ein sehr kreativer Mensch, Maler und Dichter, und schrieb Kurzgeschichten über das Leben auf dem Dinkelberg aus seiner Jugendzeit um die Jahrhundertwende. Diese wurden regelmäßig im Markgräfler Tagblatt und im familiären Kreis publiziert. Leider besitze ich noch nicht alle seine Geschichten. 1976 schenkte er der Schule Adelhausen eine Mappe mit allen Geschichten für die Schulbibliothek. Falls jemand über den Verbleib der Bibliothek bzw. dieser Mappe helfen kann, soll er sich bei mir melden. Nun zur ersten Geschichte.

Die Kindstaufe (geschrieben von Fritz Kuder)

Der Toni war wieder einmal im Walde, im "Bächliholz", um seine "Spittelwellen", die er in die Stadt verkaufen wollte, zu binden. Sie wurden früher, in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, vielfach an Spitäler, mittellateinisch auch "Spittel" genannt, geliefert und haben daher ihren Namen. Es war Winter und in dieser Zeit, wenn die landwirtschaftlichen Arbeiten auf dem Felde ruhten, wurden die Waldarbeiten besorgt. Die Arbeit wollte dem Toni heute nicht so recht von der Hand gehen, denn zu Hause erwartete man ein freudiges Ereignis. Vier Mädchen waren schon da - aber der Stammhalter fehlte noch.
 
So war die Neugier auf das „Kommende“ ebenso groß wie die Sorge. Welch stille Hoffnung er in seinem Herzen trug, als er so hantierte, kann man sich wohl vorstellen. Als er abends nach Hause kam, gab es noch nichts Neues. Seine Lisa war in der Küche beschäftigt und die vier Kleinen spielten in der Stube. Um 22 Uhr war wie gewöhnlich Bettgang. Die Petroleumlampe wurde ausgeblasen und alles verzog sich auf die Schlafkammer. Am anderen Morgen sprach Lisa leise mit ihrem Toni. Er wusste nun Bescheid. Das Viehfüttern ging diesmal etwas flotter, die vier Mägdlein wurden zu Tante Emma gebracht.
Der Toni aber schlüpfte in seine Lodenjuppe, zog sich die schwarze "Zipfelchappe" über den Kopf und stapfte durch den tiefen Schnee in Richtung „Luisli“. Das „Luisli“ war die letzte Hebamme in Adelhausen. „I bi grad fertig“, sagte „Luisli“ zum neugierigen Toni, holte das immer fertig gepackte traditionelle „Hebammenköfferchen“ aus der Kommode und stapfte mit dem jungen Vater durch den Schnee.
Als die vier kleinen Mädchen abends wieder nach Hause kamen, lag in der alten "Wagle" still und friedlich der lang ersehnte Stammhalter. Lisa lächelte still und zufrieden. Sie war darüber glücklich, ihrem Mann den Herzenswunsch erfüllt zu haben. Mit dieser Erfüllung wurde der Toni stolzer und größer. Nun stand er in der Reihe mit den anderen jungen Bauern, die schon länger einen Buben hatten. Die vier Mädchen warteten schon jetzt darauf, endlich mit ihrem Brüderchen spielen zu dürfen.
Am Sonntagmorgen ging der stolze Vater in die Kirche nach Eichsel, um dem Herrgott und den drei heiligen Jungfrauen für das Geschenk zu danken. Mit dem Pfarrer musste ein Tauftermin vereinbart werden. Der Weg vom Pfarramt führte den jungen Papa direkt zum "Maien", denn das große Ereignis musste ja auch begossen werden. "Lass doch fünfzig Spittelwellen draufgehen", brummte er vor sich hin. Und so kam es auch. Für die die ganze Schar der "Nachkirchdurstigen" gab er zwei Runden, und er machte sich erst nachmittags auf den Heimweg.
Doch der Toni musste auch schnell wieder ausnüchtern. Denn die Kindstaufe stand in einer Woche bevor und diese war ein regelrechtes Dorffest und musste organisiert werden: Im Geburtshaus selbst wurden zwei bis vier Gugelhupf und auch ein bis zwei ,Linzertorten, etwas anderes kannte man auf dem Lande kaum, gebacken. Für das Mittagessen wurde ausnahmsweise Rindfleisch bestellt, denn zu so einem Tag gehörte eine Rindfleisch-Nudelsuppe, bei der der Suppenlöffel in der Mitte des Suppentopfes senkrecht stehen bleiben musste. Viele der Taufgesellschaften aßen auch im Dinkelberger Hof oder im ,,Adler", wo es die traditionelle Suppe ebenfalls gab.
Aber auch in allen an die Dorfstraße angrenzenden Häusern gab es Vorbereitungen. Jeder Bauer hatte vor dem Ersten Weltkrieg ein Gewehr oder eine andere Handfeuerwaffe, die zu Schießübungen dienten, aber auch zur Verschönerung von Taufen und Hochzeiten.
Für die Fahrt nach Eichsel musste ein Gefährt, ein Break, bestellt werden. Gewöhnlich fuhr einer der Wirte mit oder aber ,,d'r Matt-Akziser", ,,'s Chilofernazis August", ,,'s Ofrions Emil", ,,'s Chalchbrenners Albert" oder ,,'s Schöfers Adolf", der als gedienter Kavalerist ja mit Pferden umgehen konnte. Wagen und Pferde wurden mit weißen Papierrosen geschmückt, die Rosse trugen das gute, messingbeschlagene Geschirr.
Nachdem alles vorbereitet war, wurde dem Knäblein am Tauftag das Taufkleidchen, das schon mehreren Generationen gedient hatte, angezogen, es aus gewissen Gründen in viel Windeln verpackt und in das ebenfalls in der Verwandtschaft ausgeliehene Taufkissen geschoben. Alles war nun bereit, der Vater mit den Kindern, die Hebamme, "Gotte" und "Götti" und der Kutscher. Gotte und Götti schmückten sich mit einem weißen Sträußchen, die Frauen trugen die Markgräfler Tracht mit der "Hörnchenchappe".
Mit dem Beginn der Fahrt war auch schon die Hölle los. In allen Häusern an der Dorfstraße standen die ,,Festschützen" - , „‘s Franze Eduard", ,,'s Motsche Fritz“, „'s Wächters Karl“, ,,'s Isis Reinhard“, ,,'s Chesslerwagners Fritz“, „'s Chesslerhanse Robert“, ,,'s ' Chilofernazis Guschdi“, ,,'s Rüsche Emil“, „s Bäcke Adolf", ,,'s Süfferlis Adolf", ,,d'r Honsel Kurt“ und de „Hegge-Chuder“ - bereit, ihre extra stark geladenen Büchsen zu Ehren des Täuflings abzufeuern. Je mehr es knallte, desto größer war die Freude auf dem Fuhrwerk, besonders bei den Kindern. Sie mussten sich aber gut festhalten, denn gewöhnlich gingen die Pferde in „Paradestellung“. Die Stärke des Schützenkorps und die Heftigkeit des Trommelfeuers waren auch ein Wertmesser für das Ansehen der Festveranstalter.
Die größte Taufe erlebte unser Dorf um 1910. In Ottwangen hatte sich um die Jahrhundertwende ein ,,Fremder" niedergelassen. Er hatte zuvor bei der franz. Fremdenlegion gedient und verrichtete im Dorf Gelegenheitsarbeiten. Eine ganz nette Kinderschar bevölkerte schon das Haus, aber Gottes Segen setzte sozusagen als Schlusspunkt an das Ende der Reihe noch ein nettes schwarzhaariges Knäblein. Aber woher die Taufpaten nehmen, wenn man fremd und arm ist? Also sammelte Dorfjugend für die Taufe. Gleich drei Taufpaten standen am Taufbecken und verhalfen so dem Büblein zum Eintritt in die Kirche. Kuchen gab es in rauhen Mengen, die Schießerei in Adelhausen erreichte ihren Höhepunkt, als die zwei Gefährte mit der großen Taufgesellschaft durch das Dorf fuhren.
Kehren wir noch einmal zu unserem Vater Toni zurück. Nach der Tauffeier, die sich erst zu Hause, dann in der Wirtschaft recht fröhlich gestaltete und bis in die späte Nacht hinzog, marschierte auch unser junger Vater nach Hause. Sein Gang war nicht mehr kerzengerade, er führte Selbstgespräche. Beim ,,Installzünden" teilte er auch dem Vieh sein Glück mit. Seinem ,,Liseli" gab er heute einen besonders innigen ,,Schlofschmutz" und flüsterte in das dunkle Zimmer: ,,I' dank d'r Herrgott für das Büebli und au Dir, Liseli, daß m'rs g'sund uff d' Welt brocht hesch. Jetz isch alles guet, gellet. Guet Nacht mitenander!"

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